Author Archives: Prof. Dr. Andrea Back

  • Wer ist eigentlich der Wettkönig zu 3D-Welten?

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    Es ist Oktoberfestzeit; das ikonische hierzulande ist die OLMA in St.Gallen. Jeden Tag ist Säulirennen, bei dem 15 Rennsauen zum Futtertrog um die Wette laufen. Die Vorfreude auf diesen Wettspass hat die Erinnerung an eine seit 2009 laufende Wette aus dem Kreis meiner E-Learning-Fachfreunde geweckt. Darin geht es um eine Zukunftsbehauptung, ob und wie die damals gehypte 3D-Technologie bis in 10 Jahren unseren Alltag prägen würde. In diesem sind wir 2019 ja nun angekommen.

    Vorhersagen über technische Entwicklungen wurden schon immer gerne gemacht. Nur, wie auch der Kabarettist Karl Valentin meinte, sind Prognosen schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Selbst renommierte Experten lagen damit schon mächtig daneben. Hier findet man eine Sammlung der spektakulärsten Fehlprognosen der IT-Geschichte. Sogar 100 Jahre voraus Schauen haben Futuristen gewagt und sich in 1900 vorgestellt, wie das Leben in 2000 aussehen würde. Zwei meiner Lieblings-Zukunftsbilder aus der Serie «En l’an 2000» sind diese:

    Beim einen herrscht am Himmel über Paris Flugobjekt-Verkehrsstau, beim anderen haben sich die Leute motorisierte Schuhe unter die Füsse geschnallt. Auf Passagierdrohnen warten wir ja noch; mit den E-Scootern ist die Vision der Schuhe mit Motorantrieb jedoch durchaus so eingetroffen. Nun, wie einfach ist zu entscheiden, wer folgende Wette aus 2009 gewonnen hat? «In 10 Jahren sind 3D-Welten eine dominierende Selbstverständlichkeit» (T. Glatt). «Es gibt den Medienraum, den Fleischraum und den 3D-Raum» (M. Lindner). «In 10 Jahren sind wir hauptsächlich in 3D Welten unterwegs» (D. Stoller-Schai). Schauen Sie sich im Videomitschnitt an, wie der Wortlaut und die Positionen genau verhandelt werden. Immerhin geht es um eine Kiste Barolo – zu Schweizer Preisen.

    Die Herren haben mir die Schiedsrichterrolle überlassen. Gerne frage ich noch die Community um ihre Meinung, bevor ich mein Urteil abschliesse und verkünde: «And the Winner is …».

    P.S.: Dieser denkwürdige Moment ereignete sich übrigens nicht auf dem oben genannten OLMA-Oktoberfest, sondern bei einer intellektuellen Wanderung in den hiesigen Bergen: Dem «Alpen-Salon», von mir in Anlehnung an die Salonkultur des 19. Jahrhunderts so genannt. Ein Regenguss auf dem Weg zur Schwägalp veranlasste uns zur Einkehr in die Plattenbödeli-Hütte für eine Bier- und Jausenpause, der nun diese Kolumne zu verdanken ist.

    Bildquelle: https://www.vaterland.li/liechtenstein/vermischtes/Namen-fuer-Rennsaeuli-gesucht;art171,217626 
  • Digital Ausmisten – im Stil von Marie Kondo

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    Der Sommer verabschiedet sich und geht in den Herbst über. Damit bricht auch am Arbeitsplatz eine andere Zeit an. So wie man nach dem Winter den Drang nach Frühjahrsputz verspürt, möchte man, vom Sommer gut erholt, aufgeräumt in den arbeitsamen Herbst starten. Aufräumen – Ausmisten – Ordnung schaffen. Bei diesen Stichworten fällt einem zwangsläufig die Japanerin Marie Kondo als Expertin ein. Sie hat durch die Netflix-Serie «Tidying Up with Marie Kondo» und ihre Bücher wie «Life-changing magic of tidying up» international Bekanntheit als Ordnungsberaterin erlangt. Bereits tragen viele in der Konmarie-Methode ausgebildete Trainer/innen das Wissen um solche Befreiungsschläge in die weite Welt hinaus.

    Nun gibt es im Büro nicht Kleider- und Küchenschränke wie im trauten Heim auszumisten, sondern wie wir uns in digitalen Räumen eingerichtet haben. Hand aufs Herz! Da hat sich doch bei jedem von uns viel digitaler Ballast angesammelt? Zahlreiche Apps auf Handy und Notebook, eine überquellende E-Mail-Inbox, Ordner um Ordner voll von Daten und von diesen oft noch Archivkopien; der Desktop quillt von Icons über, zu Feeds und Online-Gruppen hat man sich an-, aber fast nie abgemeldet. So Vieles, was selten oder nie genutzt wird. O.k., Speicherplatz kostet ja auch fast nichts. Aber wirklich? Ein Kerngedanke des Konmari-Ansatzes – und ich finde auch eine Wahrheit für immaterielle Dinge – ist, dass zu viel des Guten uns durchaus viel kostet: Und zwar Zeit, Kraft und Fokus.

    Kann uns Kondo auch bei digitalen Entrümpelungen helfen? Von den 5 Grundsätzen Ihrer Methode ist jedenfalls der erste aufs «Digital Decluttering» eins zu eins anwendbar: Alles auf einmal, in kurzer Zeit und perfekt aufräumen. Als wir am Lehrstuhl kürzlich unsere Datenablage von einem «unerlaubten» auf einen «compliant» Cloudservice zu migrieren hatten, setzten wir einen Hackathon-artigen Nachmittag dafür an; zuvor hatten wir in perfektionistischer Gesinnung eine grundlegend neue Ordnerstruktur für die Dateiablage untereinander abgestimmt. Es war verboten, Archivkopien vom «Vorher» auf Hardwaredevices anzulegen, so dass wir beherzte Löschentscheide treffen mussten, um nicht gleich wieder alles zuzumüllen. 

    Kondos andere 4 Grundsätze sind nicht so einfach übertragbar. Das hat sie auch schon selbst erkannt. Ihr für 2020 angekündigtes Buch soll: «Joy At Work: The Career-Changing Magic of Tidying Up” heissen. Bis nächstes Jahr wollen wir aber nicht warten. Wenn man die SuchworteMarie Condo und Digital googelt, findet man diesen Artikel, der «To Kondo» aufs digitale Aufräumen überträgt. Er ist ausführlich, handlungsorientiert und schön bebildert: https://usefyi.com/joy-at-work/Als eine der 6 Regeln wird diese Aufräumreihenfolge empfohlen: zuerst das Handy, dann Benachrichtigungen, Apps, Computer und schliesslich E-Mail.

    Gegen letzteres erhebe ich zweifachen Protest. Zum einen gehört es an erste Stelle, und zum anderen geht es wieder einmal darum, wie man seine E-Mail besser managt. Das ist mir nicht radikal genug. Jede Mail müsste einfach etwas kosten, und wenn es nur 1 Cent bzw. Rappen pro Nachricht wäre. Diese simple Idee der E-Mail-Plage Herr zu werden, fand ich schon vor 10 Jahren super; jetzt hat sie es mal wieder in die Presse geschafft: A. Lobe fordert in seinem Artikel (St.Galler Tagblatt vom 31.8.19): Schluss mit Gratis-Mails! Darin erfahren wir darüber hinaus von einer anderen, echt durchschlagenden Lösung: Wer den Verhaltensökonom Dan Egan per Mail kontaktieren will, muss 20 Dollar an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden.

    Das Momentum solcher Presseartikel und Praktiken einzelner wird wohl nicht für eine Wende reichen. Ich wünschte, es gäbe für die Forderung nach Digitalen Briefmarken Aktivisten wie «Greta». Das Klima-Argument zieht ja auch hier: Ein 100-Angestellten-Betrieb würde laut Berechnungen einer französischen Umweltagentur durch E-Mails pro Jahr 13.6 Tonnen CO2 verursachen. Bestimmt fände jemand aus den Reihen der Digital Natives, der auch noch gegen Flatrate- und Gratiskultur ankämpft, mehr Gehör als die typischen Digital-Detox-Evangelists.

    Bildquelle: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2018/oct/10/are-you-a-cyberhoarder-five-ways-to-declutter-your-digital-life-from-emails-to-photos

  • Innovationskultur ist heutzutage in Stein gemeisselt

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    Das Gebäude Cubic, der Innovationscampus des Technologiekonzerns Bühler, ist eröffnet. Man will beim Innovieren schneller und effizienter werden. Dabei ist ein solcher Wandel vor allem eine Frage der Innovationskultur.

    Nun denkt man bei Innovationskultur gemeinhin nicht an Bauwerke, sondern an weiche Faktoren – wie Werte und Normen – oder an Aktivitäten jenseits von Geschäftsprozessen, wie Rituale. Aber viele Neubauten dieser Art machen offensichtlich, dass Innovationskultur heute «Brick & Mortar» braucht. Sie wird nicht allein über Soft Factors erzeugt, sondern wird wie eine Grundsteinlegung ganz hart «in Stein gehauen». Davon zeugen neben dem Cubic-Bau viele weitere Beispiele: Z.B. das bald im Bau befindliche «Learning Center» der Uni St. Gallen, das Raum für Innovationen in der Lernkultur bietet. Oder auch das zur ETH gehörige Gebäude NEST der EMPA in Dübendorf, welches dazu dient, Innovationsprozesse im Bau- und Energiebereich zu beschleunigen. «Brick & Mortar» also ausgerechnet im Digitalen Zeitalter, in dem vieles – man denke nur an Bücher, Zeitungen oder Einzelhandelsgeschäfte – als «Soft-Ware» seine Stofflichkeit verliert. Das ist doch bemerkenswert.

    Zudem wird bei diesen Räumlichkeiten geklotzt und nicht nur gekleckert. Das sieht man an folgenden Fragen, die Wissenschaftler stellen, wenn sie die Innovationskultur in einer Organisation messen wollen. Im Fragenkatalog von Hogan/Coote (2014) zu Organizatioal Culture, Innovation, and Performance kommen folgende beiden Abfragen vor: «Es gibt Meeting-Zonen und Diskussionsräume, in welchen sich unsere Mitarbeitenden treffen können um neue Ideen und Arten, diese zu implementieren, zu diskutieren.» und «Wir haben in unserem Büro Platz geschaffen, in welchem Mitarbeitende sich treffen und informell über neue Ideen und neue Arten der Problemlösung sprechen können.»

    In Anbetracht der heutigen Innovatons-«Paläste» nehmen sich diese Indikatoren etwas bünzlig aus. Das mit den Prachtbauten meine ich aber gar nicht abwertent, im Gegenteil. Denn wir leben nun ja auch in einer anderen Zeit. Innovation wurde früher doch eher in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung verortet,  als einem von vielen Unternehmensbereichen. Heutzutage ist Innovation zum Kernprozess der Unternehmensexistenz geworden und verdient damit auch entsprechende architektonische Ausmasse.

    Dabei sind diese Bauwerke keine Denkmäler für die Machthaber ihrer Zeit, sondern es sind von Grund auf Funktionsbauten. Die architektonische Gestaltung ist nicht nur Kunst und Beeindruckung, sondern ist im Kleinen und Grossen als Nudge für Innovationskultur gedacht. Die bauliche Gestaltung ist auf Verhaltensbeeinflussung ausgerichtet. Stefan Schreiber, Chef von Bühler, sagt über Cubic: «Das fördert die gezielte Kollision»  (St.Galler Tagblatt vom 23. Mai, S. 9). «Der Cubic ist offen. Hier treffen sich Jung und Alt, Frauen und Männer, Lernende und Erfahrene, Mechaniker und Softwareentwickler, Leute aus der Wissenschaft wie etwa von ETH, Startups und natürlich Kunden.» Andere sprechen bei Offenheit in der Architektur über «Serendipity», das Anstubsen zufälliger nützlicher Begegnungen. Schreiber ist da viel dynamischer auch auf konstuktive Konflikte aus.

    Man hört es aus diesen Formulierungen heraus: In solchen Umgebungen ist ein hohes Energieniveau spürbar. Freuen wir uns auf diese Bewegung, die noch viel mehr solcher anders konzpierten, anregenden Arbeitsumgebungen bringen wird. Freuen wir uns, dass die Digitale Transformation unseren Arbeitsplatz nicht auf die Grösse eines Notebooks und angehängte Bildschirmfronten zusammenschrumpft. Bestimmt werden wir gerne vom Home Office wieder ins Büro gehen; ob wir allerdings noch Büro denken werden? Vermutlich sagen wir ihm dann eher Innovation Campus, Digital Innovation Hub oder auch Coworking Space. Wer hat schon so einen Arbeitsplatz?

    Bildquelle: https://www.smithsonianmag.com/science-nature/a-salute-to-the-wheel-31805121/
  • Kreativität ist unbequem und voll Schamesröte

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    Kreativität liegt den Innovationen zu Grunde, die unser Leben und die Zukunft bestimmen. Was wäre spannender als ihren Geheimnissen auf den Grund zu gehen? Im aktuellen Dokumentarfilm «The Creative Brain» (Netflix 2019) stellt der Neurowissenschaftler David Eagleman aktuellste Erkenntnisse dazu vor. Kreative aus den unterschiedlichsten Bereichen – Technologie, Musik, Kunst, Architektur und Kulinarik – kommen zu Wort.

    Bevor ich die ausplaudere, halten Sie doch erst mal inne und notieren Sie drei Überzeugungen, die Sie selbst über Kreativität haben.

    Hier, was auf meinem Zettel steht:

    • Es ist ein Talent, das nur bestimmten Leuten vorbehalten ist.
    • Sie sitzt vor allem in der rechten Gehirnhälfte.
    • In der traditionellen Art von Schule verkümmert Kreativität; aber man kann Methoden lehren und lernen, um kreativer zu sein.

    Nachdem ich den Film geschaut habe, kommt jetzt der «Reality Check». Um es vorweg zu nehmen, die ersten beiden Vorstellungen sollte ich vergessen. Aber am dritten Punkt ist was dran. Allerdings sind es weniger Methoden für Kreativität, sondern vielmehr «Mindset», d.h. Einstellungen und entsprechendes Verhalten, die dafür gedeihlich sind.

    Kreativität ist, was menschliche Gehirne so tun, erfahren wir von Egaleman. Wir alle sind ganz natürlich so veranlagt. Und das mit dem Ort im Gehirn muss man sich anders vorstellen. Im Gegensatz zu vielen Tieren, wo die Gehirnareale von Reiz und Reaktion sehr nahe bei einander liegen, ist beim menschlichen Gehirn recht viel Gehirnmasse dazwischen (siehe Bild zum Beitrag). Auf diesem weiten Feld zwischen Reiz und Aktion kann durch die massive Vernetzung und mit all dem, was jeden Tag an neuer Erfahrung dazu kommt, allerhand Unvorhersehbares geschehen. Kreativität ist also kein bestimmter Sektor im Gehirn, sondern das Zusammenspiel von Milliarden von Neuronen. Was rein kommt, wird umgedeutet, aufgebrochen, kombiniert, und neugestaltet. Und das Wort «Spiel» hat auch seine volle Berechtigung: The richer and broader the inputs, the more the brain has to play with.

    Jetzt wollen wir aber wissen, wie man kreativer wird. Der Neurowissenschaftler nennt drei Facetten.

    • Das Gehirn braucht sehr viel Energie. Unser Körper will die nicht verschwenden, sondern für drohende Gefahrensituationen was in Reserve haben. Der menschliche Normalmodus ist deshalb, in eingespielten Routinen zu verharren und den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Kreative setzen sich über diese Bequemlichkeiten hinweg und suchen andere Wege als die des geringsten Widerstands. Nic Cage sagt über seinen kreativen Prozess, dass er sich fühle wie in einer Schlacht. Es ist also nicht so, dass uns kreative Eingebungen mühelos zufallen.
    • Gut hat unser Hirn gleichzeitig den natürlichen Drang, dem immer Gleichen zu entfliehen und lechzt nach Neuem und Aufregendem. Um auf den Sweet Spot zwischen vertraut & bekannt und völlig abwegig & oft sogar gefährlich zu kommen, muss man Grenzen ausloten, mutig sein. Und wo fängt er an, dieser kreative Mut? Die Sängerin Claire Boucher, alias Grimes, sagt: Jenseits der Komfortzone. Schäme ich mich oder fühlt es sich seltsam an? Dann heisst das, los mach’s! Dem stimmt auch Nic Cage zu: The line that is really exiting is the shameful line, or the line “I really can’t say that”.

    Kleines Zwischenfazit. Wie sieht das bei Ihnen aus?
    Während ich ersteres ganz gut beherrsche, habe ich bei dem Kreativitätstipp, das zu tun was einem die Schamesröte ins Gesicht treibt, grossen Nachholbedarf, ja durchaus Angst davor.

    • Das führt uns zum dritten Gesichtspunkt, der Angst vorm Scheitern, die wir eben gerade nicht haben sollten: Denn die erstickt den Mut. Als Kreative/r muss man Risiken wagen, denn aus Fehlern lernt man. Sie sind schliesslich auch Input, der mit in die Erfolge reinvernetzt ist.

    David Eagleman schliesst mit der Aufforderung: Drink in the world and produce something! Schöner kann man es nicht sagen; viel schöner als die Motti aus einer meiner früheren Kolumnen: «No Bla, just Do» oder «There is only MAKE».

     

    Bildquelle: The Creative Brain, Netflix-Dokumentarfilm 2019 (Screenshot-Ausschnitt, Min. 7:45)
  • Mindful Working – Achtsamkeit beim Arbeiten

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    Aus London habe ich die Nachricht von einer neuen Hit-App: Headspace – eine Meditations-App mit über einer Million zahlenden Nutzern. Da musste ich einfach wissen, was dahintersteckt.

    112 getrackte Sitzungen und 31h habe ich schon meditiert. Es gibt sehr viele Themen, z.B. Einschlafen, Spaziergänge oder Grosszügigkeit. Neugierig schaute ich auch mal in den Bereich Arbeit & Produktivität. Dort finden sich u.a. Kurse – das sind Sequenzen mit in der Regel 20 Sitzungen – zu «Fokus finden», «Prioritäten setzen» und «Produktivität». Das klingt ja recht sachlich-funktional und auch leistungsorientiert. Dabei will man durch Achtsamkeit doch einfach nur mehr Wohlgefühl, Zufriedenheit und Gesundheit.

    Unter meinen Sitzungen waren auch welche zum Thema «Mindful Eating – Bewusst essen», dieses Thema sei auch eines der beliebtesten in der App. Das glaubt man gerne, denn spricht nicht jeder darüber, und zwar meist mit Unzufriedenheit und dem Wunsch, dass etwas anders werden soll? Essgewohnheiten zu ändern ist aber sehr schwer. Sie werden an dieser Stelle fragen: Was hat dieser Gedankensprung jetzt mit dem Thema Arbeiten zu tun? Nun, damit ist es doch ganz ähnlich. Wen man auch anspricht sagt: Es ist zu viel! Am Abend ist man oft unzufrieden mit sich und wie es gelaufen ist. Auch für die Arbeitspraxis gilt: Die eigenen eingeschliffenen Gewohnheiten zu ändern ist ein sehr schwieriges Unterfangen.

    Einen Kurs «Mindful Working» habe ich dann vergeblich in der Headspace-App gesucht. Mit ein bisschen «Tricksen» braucht es den aber auch nicht unbedingt. Ich habe mal getestet, in den von Andy Puddicombe (dem Gründer und in Tibet geweihten buddhistischen Mönch) gesprochenen Einführungen die Worte «eating» durch «working» und «food» durch «work» zu ersetzen. Und ich muss sagen, die Ratschläge und Übungen kann man eins-zu-eins auch für seine Arbeit anwenden. Einige Sätze aus den Anleitungen zu den ersten 10 Sitzungen habe ich hier ausgewählt (Der Kurs «Bewusst Essen» hat insgesamt 30 Sitzungen). Lesen Sie selbst:

    • (Aus Einheit 1): This is not about achieving something. It is about how we change the relationship with the world around us, to be aware of thoughts that drive our behavior.
    • (Aus Einheit 2): We are looking at how we can create the conditions, a framework where we live with awareness and compassion and that simply becomes part of how we relate to food (Anm.: oder “work”) in our life.
    • (Aus Einheit 3 und 5): In that moment of mindfulness, of awareness, we see clearly that we have a choice. When we step back all of a sudden we are creating a space, we are able to see.
    • (Aus Einheit 4): Be clear about intention (gemeint ist die Motivation, warum man überhaupt diesen Kurs macht). Be patient about the process, and along the way be as kind to yourself as possible.
    • (Aus Einheit 6) When we are distracted, it is really difficult to be fully present with any particular activity. It is difficult to be aware how, why, and what we eat (Anm.: oder “work”), when we are distracted in some way.

    Am besten gefällt mir eine Anregung aus Einheit 9, dass es ausser Motivation und Achtsamkeit auch Interesse und Neugierde dafür braucht, wo das, was gerade auf unserem Teller ist, eigentlich herkommt, wie es gewachsen ist und zubereitet wurde. Wie wäre es, wenn man sich das auch für die To-dos, die man auf dem Schreibtisch hat, bewusstmacht? Dass es fürs Essen stimmt was ein buddhistischer Mönch uns empfiehlt, kann ich bestätigen: «Bring this sense of curiosity to your eating; it is amazing what it does». Probieren wir es doch aus: Let’s bring this sense of curiosity to our working! Und vielleicht staunen wir, was sich daraus alles Positives ergibt.

    Bildquelle: https://www.headspace.com/
  • Raum für die Prinzipien des neuen Lernens (Buchbeitrag)

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    2022 soll das neue Learning Center an der Universität St.Gallen eröffnet werden. Raumgestaltung und Prinzipien einer neuen Lernkultur sollen sich in der neuen und innovativen baulichen Lernumgebung gegenseitig anregen. Wie in dem “Open Grid” Entwurf des japanischen Architekten Sou Fujimoto die “4 P’s for Creative Learning” (Projects, Passion, Peers, and Play) aus dem Buch “Lifelong Kindergarten” von MIT-Professor Michael Resnick, Gestalt werden können, ist Thema eines neuen Buchbeitrags von mir, den Sie hier nachlesen können.

  • Die Erstbesteigung des Matterhorns im Startup-Jargon

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    Es regnet in Zermatt, und so lese ich am Kamin im Buch zum 150 Jahre Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns. Kaum 20 Seiten durchgeblättert, und ich bin gefangen wie von einem spannenden Krimi. Dieser Unternehmungsgeist, die Expeditionen ins Unbekannte und Riskante, das fasziniert mich – sie sind so überaus aktuell. Beim Lesen fallen mir laufend Analogien zum heutigen Entrepreneurship und der Startup-Welt ein. Zum Beispiel war es damals ein “Grand Challenge”, diesen für unmöglich besteigbar gehaltenen Gipfel zu erklimmen; auch heute gibt es diese Grand Challenges – im Silicon Valley nennt man sie “Moonshot-Projekte”.

    Wir denken ja sehr gerne, dass heute vieles innovativ und so noch nie dagewesen wäre. Man darf das bezweifeln. Denn was sich da vor 150 Jahren abgespielt hat, lässt sich mühelos im Lean-Startup-Jargon beschreiben (Das Buch The Lean Startup wird heute vielerorts in der Management-Ausbildung verwendet).

    Auf S. 112 steht zum Prinzip “Commitment to iteration”: If your MVP (Minimal Viable Product) fails, don’t give up hope. Was denken Sie, wie viele Versuche gab es, bevor die Erstbesteigung gelang? Der Erfolg kam erst mit der achtzehnten Iteration. Viele davon hat Whymper, der es am 14. Juli 1865 mit seinem Team als Erster schaffte, auch selbst unternommen.

    Und Pivoting hat sich als Erfolgsfaktor erwiesen. Auf S. 153 von «The Lean Startup» heisst es, dass die schwierigste Entscheidung die zwischen “persevere or pivot” sei. Beim Matterhorn glaubten alle an die Hypothese, dass der Gipfel nur von der italienischen Seite aus über den Liongrat zu erreichen wäre. Aber Whymper hatte die Idee, dass es über die Schweizer Seite, den Hörnligrat gehen müsste, nachdem er bei einer Bergumrundung aus einem besonderen Blickwinkel gesehen hatte, dass eine Stelle weniger steil war als angenommen. Als er dann Mitte Juli hörte, dass eine Seilschaft zum Liongrat aufbrechen würde, setzte er auf diese neue Hypothese – und war erfolgreich. Wohlgemerkt, das war kein Bauchgefühl und keine Eingebung von ihm, sondern eine datenbasiert fundierte Entscheidung.

    Wer war eigentlich dieser Edward Whymper? Ein Einheimischer, einschlägig jahrelang als Bergführer tätig, in reifem Alter? Was denken Sie, wie alt dieser Matterhorn-Entrepreneur war, und in welcher Branche berufstätig? Nun, beim Erfolg ist er 25 Jahre, und beim ersten Versuch 1861 war er junge 21. Zudem ist er von Beruf Zeichner gewesen, also eher ein Quereinsteiger, was man von Start-up-Entrepreneuren auch oft hört.

    Allein hat er das natürlich nicht geschafft. So wie heute die besten Programmierer umworben werden und die Seiten wechseln, war es damals mit den Bergführern. Die Rivalen um die Erstbesteigung haben sich die Fähigsten gegenseitig abgeworben. Last, not least, spielt beim Antrieb zu solchen Grosstaten auch die Selbstdarstellung mit: Die Devise “Tue Gutes und rede darüber” galt auch damals. Heute twittert, wer auf Expedition zu den Gipfeln der Digitalisierung ist, oder postet auf LinkedIn oder Medium. Und wie schrieb man Tweets oder Posts vor 150 Jahren, auch mit dem Wunsch, dass sie – wie im Netz – nie mehr ganz verschwinden mögen? Die Aufstiegskonkurrenten habe ihre Initialen in die Felsen gehämmert. Whymper hat seine und die seines Begleiters auf dem 14. Besteigungsversuch ein paar Meter über die von Carrel eingemeisselt.

    Das Begleitbild zur Kolumne – mit dem gerissenen Seil von der Tragödie beim Abstieg – warnt davor, im Erfolgstaumel leichtsinnig zu werden. Sie hatten genug Seile dabei, aber es nicht für notwendig gehalten, sich zusätzlich zu sichern. Vier vom Team stürzten in den Tod. Direkt bei der Kirche in Zermatt ist ein Bergsteigerfriedhof. Man behält Frauen und Männer, die beim Bergsteigen ihr Leben lassen mussten, in ehrenvoller Erinnerung. Eine Entsprechung in der Startup-Welt ist mir nicht bekannt. Es gibt da beim Absturz ja auch keine Toten, aber so manche Hoffnungen und Träume, private Vermögen und bestimmt auch Liebesbeziehungen müssen doch begraben werden. Eine besondere Form des Andenkens daran fände ich gut.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MATTERHORN_MUSEUM_ZERMATLANTIS_Seil_der_Erstbesteiger_zerrissen.jpg
  • Infantilisierung von Management Literatur oder progressives Design?

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    Vor ein paar Jahren wusste ich noch nicht, was regredieren bedeutet. Als ich gewisse Verhaltensweisen von erwachsenen Menschen in meinem Umfeld irritierend fand, hat mir ein Psychologe die Erklärung dafür geliefert. Man spricht von Regredieren, wenn sich jemand – z.B. im Stress und bei Überforderung – wie in früheren Stufen seiner persönlichen Entwicklung verhält, über die man durch Reifung längst hinausgewachsen ist. Meine Aufmerksamkeit für dieses Phänomen ist seither geschärft.

    Es scheint mir allgegenwärtig. Heutzutage laufen Teens und Twens gerne allzeit mit einer Trinkflasche herum, selbst wenn sie nicht beim Sport sind, damit sie jederzeit einen Schluck nehmen können. Das kannte man eigentlich nur von Kleinkindern, denen man die Nuckelflasche in den Buggy legt. Ähnlich verhält es sich mit dem Smoothie-Trend. Wieso muss man Nahrung pürieren wie für Babies oder Kranke? Zum ausgereiften Geschmackserlebnis gehören doch auch Grösse, unterschiedliche Temperaturen, und Tastempfindungen dessen, was man isst. Auch ausserhalb der Alltagskultur ist dieses Regredieren auf eigentlich Kindliches zu beobachten. Auf Youtube ist z.B. die Serie «Sommers Weltliteratur to go» erfolgreich, in der Weltliteratur – insbesondere Theaterstücke – dem Publikum mit Playmobil-Figuren dargestellt und radikal gekürzt näher gebracht werden.

    Dies scheint auf jeden Fall ein Muster unserer Zeit zu sein. Sogar in der Managementliteratur. Einige Bestseller sehen bunten Bilderbüchern mit Figuren wie in Kinderzeichnungen ähnlich, “obwohl” ihre Inhalte mit wissenschaftlichen Methoden erarbeitet wurden und die Autoren aus der akademischen Gemeinschaft kommen und dort hochrangige Forschung und Lehre betreiben. Man nehme nur eines der Design-Thinking-Bücher zur Hand oder beispielsweise auch das Buch “Meet up!”, das von getabstract mit dem International Book Award 2018 ausgezeichnet wurde.

    Soll man das gut finden? Geht Einfachheit über alles? Wir denken für unsere nächste Buchpublikation darüber nach, ob wir es eher als Infantilisierung oder doch als progressive und effektive Wissenschaftskommunikation sehen und bei dem Trend mitmachen wollen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

  • Silicon Valley Satire – Mehr als eine Kurzgeschichte

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    Über die Manager und ihr Treiben im Silicon Valley kennt man ja nicht so etwas wie Ostfriesenwitze. Aber jetzt gibt es zumindest einen satirischen Roman, frei auf Medium zu lesen: The Big Disruption – A Totally Fictional But Essentially True Silicon Valley Story Eine Aussteigerin gibt zum Besten, was sie als Insiderin mitbekommen hat.

    Die Reinigungskraft Arsyen, dort Sanitation Engineer genannt, wird beim Recruiting-Gespräch versehentlich für einen Software Engineer gehalten und eingestellt, ja er avanciert sogar unerkannt zum Product Manager. Der Chef Bobby dieses Unternehmens, einer der digitalen Giganten im Valley, macht in Meetings immer wieder mal seine Yoga-Asanas auf dem Besprechungstisch. Und wie kommt die Autorin nur darauf: Der “Head Engineer” Gregor kommt von der Uni Liechtenstein?  (einer der kleinsten Staaten der Erde, aber es gibt dort tatsächlich ein Information Systems Institute).

    Manches zum Kopfschütteln kommt einem sehr bekannt vor, d.h. ist auch schon zu uns herüber geschwappt; es besteht also Hoffnung, dass sich bald einmal – vielleicht sogar hierzulande – ein passendes Witzgenre dafür entwickelt.

    Bildquelle: https://medium.com/s/the-big-disruption
  • Kolumne: Zuhause hütteln, ausser Haus loungen

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    Haben Sie schon von Workations gehört – einem Mix aus Arbeit und Ferien? Mir sagt das zu. Seit ich die Coworking-Bewegung entdeckt habe, schaue ich bei Städte-, Konferenz- und Geschäftsreisen nicht nur nach Sehenswürdigkeiten, sondern auch nach den Coworking Spaces dort – es gibt sie, überall! Letzte Woche war mir wegen der hektischen Dezembertage nach Tapetenwechsel zumute. So bin ich ab ins idyllische Toggenburger Städtchen Lichtensteig, für einen Spaziergang und um in deren Coworking Space zu arbeiten. Das war ein warmherziger Empfang. Da dort früher die Post war, gab es einiges Interessantes zu entdecken, und die Einrichtung hatte viele gemütliche “Ecken” zur Auswahl.

    Überhaupt scheinen sich wohnzimmerartige Arbeitsumgebungen rasant zu verbreiten. Nicht nur die Coworking Spaces selbst, sondern auch Unternehmen holen sich dieses Ambiente in ihre Büroflächen. Bibliotheken, Cafes und sogar Geschäfte richten Arbeitszonen ein, die wie Lounges gestaltet sind. Dort gibt es besten Kaffee, Zonen und Möblierung je nach Stimmung und Aufgabe, und wenn man will, findet man dort auch Geselligkeit.

    Heutzutage büffeln Studierende nicht mehr zu Hause, sondern verabreden sich zum Lernen in den Bibliotheken. Arbeitnehmende bleiben gerne länger im Büro, weil es da so schön und bequem ist (wie es Google z.B. bewusst so macht). Beim neuen Gebäude SwissRe Next in Zürich, dessen Büros in einer Architekturbesprechung als Arbeitslandschaft bezeichnet werden, dürften es einige Mitarbeitende genau so empfinden. In deren Räumlichkeiten fand die Herbstagung des Schweizerischen Büroeinrichtungsverbandes statt, wo ich dabei war und als Referentengeschenk das Buch «Cabins» (P. Jodidio Tasschen Verlag – Cabins-Hütten-Cabanas) erhielt. Beim Blättern in diesem Bilderbuch machte es “Klick” bei mir im Kopf.

    So eine schicke Hütte, ein Micro Home, würde es doch auch tun. Warum braucht man zu Hause noch Raum zum Lümmeln, Loungen, Arbeiten und Freunde treffen? Das gibt es doch zunehmend überall und jederzeit, als Segnung der Sharing Economy. Genau wie Autos überwiegend herumstehen, sind Wohnungen oder mindestens einzelne Zimmer die meiste Zeit unbelebt. In der Schweiz spricht man von “kalten Betten”, den Ferienwohnungen, die nur wenige Wochen im Jahr, wenn überhaupt, belegt sind. Wenn wir ehrlich sind, dann gibt es die auch in der eigenen Hauptwohnung, vor allem wenn die Kinder aus dem Haus sind. Es würde doch genügen, ein Hüttel-Zuhause zu haben, und das Loungen nach Draussen zu verlegen.

    Mit diesen Überlegungen bin ich nicht allein. Darmstadts Baudezernentin Barbara Boczek plädierte schon für Selbstbegrenzung und sagte: Braucht es wirklich noch das Einfamilienhaus oder die grosse Wohnung als Statussymbol? (Immobilienteil der FAZ vom Fr 2.11.). Nur die Hypothese über den Zusammenhang von zunehmenden Coworking-Flächen und sinkenden Pro-Kopf-Wohnraumbedarf, die habe ich noch von niemanden gehört. Ab wann die sich wohl bewahrheitet? Mal sehen, ob ich mit meinem Gedankenspiel einmal persönlich Ernst mache, und in welchem Coworking&Lounging Ecosystem ich meine “Hütte” dann aufbauen werde.

    Bildquelle: https://www.taschen.com/pages/en/catalogue/architecture/all/04605/facts.cabins.htm#images_gallery-1