Was wäre was Wildes?

Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit für ein halbes Jahr Sabbatical. Allerdings mit der Pflicht an einem berufsbezogenen Projekt zu arbeiten, dabei aber im Hinblick auf Ort und Zeit ganz flexibel zu sein. Wie fühlt sich das an?

Nach der ersten Glücksseligkeit meldet sich immer vernehmlicher die innere Stimme – ebenso wie Leute, denen Sie davon erzählen: Und was wirst du machen? Was genau hast du vor? Wer hat da schon wie aus der Pistole geschossen «Die eine Idee»! Dies ist kein Gedankenspiel zur Flucht in Traumwelten angesichts der aktuellen Corona-Restriktionen. Es ist eine reale Situation in eigener Sache: Der Antrag für ein Forschungssemester steht an und es wird der letzte «Research Leave» in meiner Laufbahn als Professorin sein.

Nicht dass ich falsch verstanden werde. An Einfällen mangelt es mir nicht; es gibt so viele geparkte Themen, für die im Alltagsbetrieb nicht genug Zeit ist. Nur wo ist dann das Problem? Diese Wenn-ich-mehr-Zeit-hätte-Ideen kommen mir alle wie Brot-und-Butter-Themen vor. Es sind Vorhaben, die ich auch machen könnte, ohne ein Forschungssemester zu bekommen. Was «quält» ist der Anspruch, etwas wirklich Originelles, Besonderes zu machen, wenn es doch um das letzte Forschungssemester geht. Sollte ich einfach mal via Twitter-Post herumfragen und Anregungen crowdsourcen? Was wäre Ihre wildeste Idee in dieser Lage? Dieses Vorgehen riskiert aber einen Shitstorm auszulösen; denn kann man in diesen Zeiten so ein Luxusproblem posten?

Es gibt ja noch andere Ideenfindungsmethoden. In Disziplinen mit ähnlichen Herausforderungen wird man oft fündig. So bin ich im 2020-Curriculum der «Startup School» des Y Combinators im Silicon Valley auf das Thema «How to Get Startup Ideas» gestossen.

Die Analogie zwischen «Startup» und «Research Sabbatical» ist nicht so abwegig, kann die Projektidee doch das sein, woran ich in den Jahren bis zu meiner Emeritierung weiterarbeiten werde.

Und was hat diese Video-Lektion gebracht? Der erste Tipp (Min 1:30) löst schon mal grosse Erleichterung aus, denn genau der typische Fehler ist ja Aufhänger für diese Kolumne:

Auch die weiteren 15 Minuten sind jede Sekunde wert anzuhören. Nach den typischen 4 Fehlern geht es um ein Punktebewertungsschema für die eigenen Ideen. Erst danach kommen 7 Rezepte, um systematisch Ideen zu generieren. Aber Achtung – die sind wohlgemerkt eine gute, aber nicht die beste Methode, denn, man braucht nur ein Hirn im Bereitschaftsmodus – «a prepared mind»:

Kurzum, diese Video-Lektion ist mit einer gewichtigen Hausaufgabe verbunden, der sich jeder ernsthaft Interessierte einige Zeit widmen muss. Die Whiteboard-Wand in meinem Arbeitszimmer wird jetzt mal mit den vielen Reflexionsaufgaben «tapeziert». Und dann wird es schon ganz natürlich passieren, das Wunder mit der Konvergenz der Multioptionen.

Bildquelle: https://www.theodysseyonline.com/the-art-of-thought


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Tags: Kolumne



2 Kommentare

  • Frieder Nake

    Liebe Andrea Back, dieses muss gesagt sein: Ihr so persönlicher Anlass, der persönliche Umgang mit dem selbst gestellten Thema, “Was mache ich mit meinem letzten Sabbatical”, gefällt mir sehr. Doch warum sag ich das, das ist ganz gleich. Selbst muss ich mir diese Frage nicht mehr stellen, weil sie längst vorbei ist. Ich würde mir vielleicht vornehmen, das vorzubereiten, was ich dann tun will, wenn ich ganz aufhöre. Und das könnte ja sein, dass Sie einfach nicht aufhören. So mache ich es.

  • Prof. Dr. Andrea Back

    Herr Nake, danke für die Verstärkung dieses Gedankens, der mich auch beschäftigt. Durch frühere Forschungssemester weiss ich, dass man sich überall mit hinnimmt, auch wenn man was vermeintlich ganz Neues beginnt; damit will ich sagen, ein komplettes “Aufhören” gibt es so und so nicht. Die Emeritierung, die hier an der Uni ein klarer Schlusspunkt zur aktiven Professorenrolle ist, liegt noch weiter weg als das Sabbatical und die Vorstellung reizt mich auch sehr, da nochmal was ganz Anderes anzufangen – vielleicht gibt das dann meine letzte Newsletter-Kolumne im Juni 2025 🙂

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