Digitalisierung auf Deutsch und in Wortschönheiten

Bestimmt ist Ihnen schon aufgefallen, dass sich immer mehr Englische Begriffe in unser Reden und Schreiben über die Digitalisierung einschleichen. Zum Beispiel Digital Transformation, Crowdfunding oder Information Overload. Das war natürlich schon vor Jahrzehnten der Fall. Durch meinen Professor und späteren Doktorvater wurde ich früh dafür sensibilisiert, dies nicht schön zu finden und dagegen zu halten. Mit seinem Rotstift kreidete er solches «Denglisch» als stilistischen Sprachfehler an. Ich fand das NICHT spiessig, denn die deutsche Sprache ist doch faszinierend. Denken Sie nur an Wortschönheiten wie Bandsalat, das wie die aussterbenden Musikkassetten zwar bald vergessen sein wird, oder auch an verbale Monster wie Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetzt. Das sind Beispiele aus meiner Weihnachtslektüre, dem Buch von Schweins/Golluch über die schönsten und schrägsten Wörter der Deutschen Sprache. Deutsch ist so ausdrucksstark und lebendig, ein Ozean an Wortmöglichkeiten! Da wird sich doch für alles Neue eine Benennung kreieren lassen?

Und so registriere ich immer erfreut, wenn ich auf eine gute deutsche Übersetzung für Digitalisierungsbegriffe stosse. Solche Fundstücke sammeln sich in einer Englisch-Deutsch Tabelle mit dem Dateinamen Anti-Denglipedia. Hier nur drei Beispiele für Wortpaare daraus:

  • Best Practice – vorbildliches Beispiel
  • Enabler – Wegbereiter
  • Shitstorm – Empörungswelle

Nachdem das schon erwähnte Wortschönheiten-Buch gerade griffbereit auf dem Schreibtisch liegt, habe ich auch daraus drei Begriffe gewählt, die fürs Reden und Schreiben in Deutsch über Digitalisierungsphänomene in Frage kommen:

  • Hemdsärmelig: Software und insbesondere Apps fürs Smartphone sind heutzutage ganz selbstbewusst continuous beta. Wie wäre es mit der Charakterisierung als hemdsärmelig? Also etwas, dass leger daherkommt, statt formell und korrekt. Der Begriff steht für jemand, der sich nicht an Konventionen hält und dem es an Einfühlungsvermögen fehlt. So fühlt sich Software im Jugendstadium und im Geist von Lean Enterprise doch typischerweise an. Und das leitet unmittelbar zum nächsten Begriff über.
  • Versuchskaninchen. Als Nutzer werden wir dem ständigen A/B-Testing von Apps ausgesetzt. Wie bei den Labortieren: Mal gucken was passiert … . Während die Versuchskaninchen Tierschützer als Fürsprecher haben und die Testleiter einen Imageschaden befürchten müssen, wenn ihre Praktiken ans Tageslicht kommen, hat sich für uns menschliche Versuchsobjekte noch kein organisierter Protest herausgebildet.
  • Fremdschämen, wofür die Social-Media-Streams jede Menge Anlass bieten, ist einmal eine Wortschöpfung, für welche das Englische keine kompaktere Benennung zu bieten hat. Dort heisst es umständlicher vicarious oder empathic embarassment. Geht doch! (in Langfassung: «hab dir doch gleich gesagt, dass das geht!“ oder „man muss sich nur trauen, dann klappt das schon!»)

In diesem Sinne, trauen Sie sich doch, den ein oder anderen Ihrer häufig benutzen Anglizismus zugunsten eines neuen deutschen Lieblingsworts links liegen zu lassen. In der Anti-Denglipedia-Tabelle ist noch viel Platz für Neuvorschläge.

Bildquelle: http://sprachkunst.uni-ak.ac.at/veranstaltungen/


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Tags: Kolumne



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