Kolumne: Meine Aufmerksamkeit gehört mir

Neulich beim Grillabend habe ich eine Unterhaltung von Jugendlichen mitbekommen. Sie nutzen die Snapchat App für Instant Messaging und es ging darum, wie sie ihr/e „Flämmchen“ behalten. Dafür muss man wohl jeden Tag, wirklich ausnahmslos JEDEN, mindestens eine Nachricht senden – irgendwas – um diesen Status nicht zu verlieren. Von „Müssen“ war aber nichts zu spüren, ich hörte nur spielerische Begeisterung heraus. Verstehen Sie das?

Mein erster Impuls jedenfalls war Abwehr. Was ??! Da schafft es so ein simples Feature, dass jemand – gar schon beim Aufwachen – daran denkt, dass das ganz oben auf der Tages-To-do-Liste steht. Das ist doch, als würde meine Aufmerksamkeit ge-kidnappt! Unversehens wird so etwas zur Gewohnheit.

Auf den Kolumnentitel bin ich gekommen, weil ich an das neueste Buch meiner Uni-Kollegin Miriam Meckel denken musste, das „Mein Kopf gehört mir“ heisst. Sie schreibt über das Brainhacking, d.h. das Manipulieren unseres Gehirns. Mit Drogen hat der Mensch das ja schon immer gern gemacht, und man kann das in Zukunft durch Hirnleistungsdrogen und Computerchip-Implantate noch weitertreiben. Während es im positiven Sinne die Seite des selbstbestimmten Hirn-Tunings geben wird, was z.B. die Cyborgs vormachen, gibt es auch die negative Seite, wo sich damit Tür und Tor für Fremdmanipulationen öffnen. Wir müssen aber gar nicht auf physische Mensch-Maschine-Schnittstellen warten, denn Vorboten der Entwicklung, dass wir allein durch psychologische Tricks die Hoheit über unser Hirn und Denken verlieren, sind schon allgegenwärtig.

Was ich damit meine? Ähnliches wie beim Ohrwurm, also Musik im Kopf, die sich willentlich kaum abschalten lässt, was wir aber immerhin als lästig empfinden. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass gedruckte Werbeplakate immer mehr durch Bildschirme mit Bewegtbild ersetzt werden? Ist das nicht auch lästig? Es ist nämlich sehr schwer, da bewusst nicht mehr hinzuschauen. Besonders manipulativ fand ich das an einem Flughafen, wo es an den Gepäckbändern vor lauter geschickt platzierten Bildschirmen gar keine Möglichkeit gab, mit dem Blick auszuweichen, da man ja seinen Koffer erspähen will. Ähnlich geht es mir mit den vielen Gutscheinen, die man beim Einkaufen bekommt. Wenn man sie aufhebt, krallen sie sich im Denken fest wie eine Zecke, denn man muss immer wieder dran denken, weil man ja nicht verpassen will, sie einzulösen. Das baut auf unsere Veranlagung, die es uns viel schwerer erscheinen lässt, etwas zu verlieren, das wir zu haben glauben, als etwas dazu zu bekommen. Wenigstens kann ich solche Coupons ablehnen oder gleich löschen bzw. wegwerfen, um mich dem zu entziehen. Die digitalen Möglichkeiten werden es aber immer schwerer machen, dem „Meine Aufmerksamkeit gehört mir“ zu folgen. Aber vielleicht wollen die meisten das gar nicht negativ sehen – so wie die Jugendlichen bei Snapchat eher ihren kreativen Spieltrieb herausgefordert sahen?

Foto: Fabio Berti, Dreamstime.com


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