Kolumne: Konferenzticker – mit Nichtgetwittertem

Heute endet meine vor einem Jahr begonnene Aufgabe als Social Media Chair der Wirtschaftsinformatik-Tagung #wi2017. Drei Beobachtungen von drei Tagen Konferenz in St.Gallen haben nicht in einen 140-Zeichen-Tweet @wi_2017 gepasst. Sie finden sich deshalb hier in der Kolumne.

 

1. Tag – Eröffnung. Fast 800 Teilnehmende werden es am Ende sein. Davon sind erstaunlich viele schon zur Eröffnung da. Mein Blick schweift umher und für einen Moment blitzt der Gedanke auf: Ob das eine Versammlung der „Grauen Herren“ aus Michael Endes Buch wird? Die Szene ist nämlich von Schwarz, Grau und Dunkelblau bestimmt, obwohl mit Studierenden und Doktoranden so viele junge Leute dabei sind. Aber die fröhlichen Gesichter und die aufgeweckte Stimmung wischen diesen Eindruck weg. Trotzdem, am nächsten Tag vorm Kleiderschrank greife ich entschlossen zur strahlend roten Bluse.

2. Tag – Zusammenfassung des Vortages: Wenn Wirtschaftsinformatiker eine Konferenz veranstalten, dann werden digitaltechnisch alle Register gezogen. Während die Papiermenge auf nahezu null reduziert war, fällt die Menge von Bit&Bytes für Bildmaterial geradezu gigantisch aus. Zudem werden sich TV-Professionals, wenn sie sich auf dem Youtube Kanal mit der Konferenzdokumentation umschauen, erstaunt die Augen reiben, was das Amateur- Mediateam da geleistet hat. Das designierte Filmteam nutzte Top-Tech-Videoausrüstung; die Konferenzbesucher Alltagstech-Kameras. Einer hat sein Smartphone auch zum Filmen und Video-Twittern eingesetzt, z.B. hat er die Keynote des SAP-CEO Thomas Saueressig festgehalten:

Das geht mit periscope.tv, auch für mich eine Neuentdeckung – Danke! Diesem Lighthouse User.

Nun, in welche dieser Videos habe ich während der Konferenztage reingeschaut? In diese „Enduser-generated low-tech“-Videos habe ich genauso oft reingesehen wie in die aufwendigen Hochglanz-Videos. Ist doch bemerkenswertes Nutzerverhalten: Die Autoritätsdistanz zwischen dem Perfekten und dem, was sich aus dem Handgelenk machen lässt, scheint es in dem Kontext nicht zu geben, sprich auch mit wenig Mitteln ist Nützliches machbar.

 

2. und 3. Tag: Vollbetrieb. Obwohl die Teilnehmenden fleissig gepostet und so das Online-Gespräch übernommen haben, wollte ich als Social Media Chair auch weiter rege beitragen. Aber während der Veranstaltung zuhören, schauen, netzwerken und gleichzeitig darüber twittern – geht denn das? Ich zumindest beherrsche dieses Multitasking nicht. Ähnlich einer Biopause musste ich austreten (mental jedenfalls), während ich einen Beitrag verfasste. Die Tweets erschienen dann vor den Räumen auf grossen Infobildschirmen – auch deren Gestaltung eine technische Top-Leistung. Ein Screen war wie vier Screens, davon drei mit bewegten Inhalten: Video-Fenster, Tweet-Stream und aktuelles Programm.

 

 

Diese Bewegung zieht unweigerlich die Aufmerksamkeit auf sich, und so hatte ich noch eine weitere mentale Biopause. Natürlich ist so ein Infoscreen nützlich, das zeigten die vielen, die davor stehen blieben. Aber es zeigt auch, wie unsere Wahrnehmung mit immer mehr Informationen in Beschlag genommen wird. Ein sehenswertes Extremszenario, wohin das führen kann, veranschaulicht der Künstler Matsuda im Kurzfilm „Hyperreality“. Da wohl kein User das so will, bin ich beruhigt: Wir werden noch lange Konferenzen mit Menschen zum Anfassen und unverstellt in die Augen schauen haben. Super schön war die Tagung – gerade auch das Nicht-Digitale.


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