Kolumne: Augmented Reality am Frühstückstisch – ganz ohne Computertechnik

Einmal abgesehen von Pokemon Go: Beginnt sich Virtual Reality in unserem Alltag zu etablieren oder kommt es mir nur so vor? Meine Erlebnisse in den letzten Wochen sprechen dafür.

 

Am Flughafen Zürich stand unter den Wartenden in der Abflughalle ein Herr mit Virtual-Reality-Brille. Er fuchtelte mit seinen Armen in der Luft herum und drückte von uns nicht zu sehende Bedienelemente. Ich machte mir Sorgen, dass er herumlaufen und in für ihn nicht ersichtliche Hindernisse prallen könnte. Er trug nämlich nicht die Mixed-Reality HoloLens Brille, bei der die reale Umgebung als Bühne für die virtuellen Einblendungen sichtbar bleibt.

 

In der Bahnhofshalle von Zürich hatte ich dann die Gelegenheit, selbst eine Gear-VR-Brille überzuziehen. Dort war ein Demostand für die Virtual Reality App von Ikea aufgebaut, mit der man durch eine Küche und weitere Zimmer laufen und Gegenstände bewegen kann. Obwohl der Standbetreuer auf mich aufpasste, war meine grösste Sorge, mir an den physisch vorhandenen Realitäten die Nase anzuschlagen, oder dass sich jemand die nun von meiner Wahrnehmung ausgeblendete Handtasche schnappen würde. Dieses Eintauchen in eine künstliche Welt, das muss man wirklich einmal erleben. Faszinierend wie schnell und vollständig man sich woandershin transportiert fühlt. Dabei wirkt die computergenerierte Welt doch künstlich – die Farben und insbesondere das Weiss sind so hell und strahlend, dass ich dachte, so muss es wohl sein, wenn man diese Lichttunnelwahrnehmung hat, von denen Leute mit Nahtoderfahrungen berichten. Ich jedenfalls habe die Gear schnell wieder abgenommen.

 

Das VR-Thema ging mir aber nicht mehr aus dem Kopf. Neulich, am Frühstückstisch, erinnerte ich mich wieder an das Improved Reality Kunstprojekt „The Artvertiser“. Wenn man seine Umgebung durch eine digitale Brille betrachtet, wird auf bestimmte Flächen Kunst – oder auch Werbung – projiziert; Bilder, die in Realität gar nicht da sind. Das ist Augmented Reality. Auf die Art, kam ich ins Fantasieren, könnte ich meine Porzellantasse mit wechselnden Mustern dekorieren. Ganz nett!

 

Aber was sich wirklich vor meinem inneren Auge abspielte, waren all die mit dem Kauf der Tasse verknüpften Erinnerungen. Wie ich sie auf Reisen im Schaufenster entdeckt und es trotz knapper Zeit geschafft hatte, am nächsten Tag hinzugehen. Wie ich höllisch aufpassen musste, dass die Verkäuferin – offensichtlich ganz neu im Laden – die richtigen Farben einpackte. Im Ohr noch der erstaunte Tonfall des Zöllners, der vor mir gerade zwei iPhone-Käufern die Ausfuhrbestätigung erteilt hatte: Porzellantassen??!? murmelte er vor sich hin, als ob ich „pulverisiertes Stroh-Make-up“ deklariert hätte. Wie die Verpackung schweren Herzens zurückbleiben musste, da sie einfach nicht mit ins Handgepäck passte. Und so weiter.

 

Da wurde mir klar: Augmented Reality bietet unser Gehirn schon lange, ganz ohne Computertechnik, zumindest wenn man nicht nur Online Shoppen geht.

 

Bildquelle: https://s1.tagesspiegel.de/kpm-berlin-fruhstuckstasse-blanko.html


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