Kolumne: Zeitgemässes Arbeitsambiente – Kaffeehaus, Hotel oder Raumstation?

In einem Jahr zügelt unser Institut in einen Neubau: Die Büroräume können wir von Grund auf neu gestalten. Was würden denn Sie sich wünschen? Welchen Zeitgeist verspüren Sie, der sich architektonisch darin wiederspiegeln sollte? Als ich darüber nachdachte, kamen mir drei Erlebnisse in den Sinn.

 

Vor wenigen Jahren habe ich einen Forschungsassistenten eingestellt, der gerade sein Masterstudium in Business Innovation abgeschlossen hatte. Sein Lieblings-Arbeitsplatz sei im Starbucks, da sei er sehr produktiv, erfuhr ich und staunte ungläubig. Dass er kein Exot ist, bestätigt ein Besuch unserer Uni-Cafeteria. Es ist laut, alle Tische sind besetzt, immer, den meisten Platz beanspruchen Notebooks, nicht Tassen und Teller, denn da wird mehr gearbeitet als gegessen. Daraus schliessen wir: Im neuen Gebäude brauchen wir Räume mit Kaffeehaus-Atmosphäre.

 

Am Freitag las ich ein Interview mit dem Berufsumsteiger Urs Casty, der Yousty.ch aufgebaut hat. Diese Plattform listet offene Lehrstellen, wobei die Präsentation der Unternehmen einem ganz anderen Denkmuster folgt als gewohnt. Casty sagt zu seinem Ansatz: „Wenn Sie ein Hotel suchen, lesen Sie auch keine Inserate, sondern Sie wollen Bilder des Hotels sehen und lesen, wie die Gäste ihren Aufenthalt beschreiben. Seltsamerweise hat sich dieses Umdenken im Stellenmarkt noch kaum durchgesetzt.“  Das heisst wohl: Am Arbeitsplatz sollte man sich so willkommen und umsorgt fühlen wie ein Hotelgast.

 

Und dann war da noch die Exkursion mit meinen Studierenden zu Google in Zürich. Schauen Sie mal die Fotos mit deren Büroräumlichkeiten: hier.

Mein Teenagersohn, der noch die Schule besucht, bekam Schulbefreiung und durfte mitkommen. Die Arbeitsumgebung bei Google ist schon beeindruckend. Sehr anders. Überall ist eine offene Küche nur wenige Schritte entfernt; alle Snacks, Getränke und Essen überhaupt ist dort gratis; überall trafen wir Zooglers in diesen Kücheninseln an. Je nach Stimmung kann man im Massagesessel arbeiten, oder im Dschungelbüro zwischen meterhohen Pflanzen einen Platz suchen, oder sich für eine Gruppenbesprechung in einer bunten Riesenmurmel einigeln – etwa so wie Jeanny in ihrer Flasche. Schreibtische gibt es übrigens auch. Im Vortragssaal lässt man sich tief in wuchtig-bequeme Fauteuils sinken. Zwischendurch lockt ein Spiel am Kicker, und die Rhythmischen können sich im Musikzimmer am Schlagzeug austoben, während andere sich in den Meditationsraum zurückziehen. Mich beschlich das Gefühl: Da muss man ja gar nicht mehr raus gehen! Das ist wie eine Raumstation, die könnte auch auf dem Mars sein.

 

Am Abend, zu Hause, sass ich an meinem Schreibtisch und sagte zu meinem Sohn, der in der Tür stand, um mir Hallo zu sagen: Wie fandst du es bei Google? „Gut.“, kam als 1-Wort-Antwort zurück. Ich legte nach und meinte: Das meiste fand ich wirklich toll; manches – wie die Bergbahngondel mit Graffiti- aber auch ein wenig infantil. Da erwachte der Wortkarge augenblicklich zum Leben und schleuderte mir inbrünstig entrüstet entgegen: „Was DU machst, kannst du vergessen!! In 10 Jahren werden Schreibtischjobs ausgestorben sein. (Pause.) Und überhaupt, innovativ über was nachdenken, am Schreibtisch, das geht gar nicht!“ Bumm, also sprach ein Digital Native. (PS der Verfasserin: Diese Kolumne wurde auf einem Sofa liegend erdacht und geschrieben.)

 

Bildquelle: pixabay.com


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