Digital Ausmisten – im Stil von Marie Kondo

Der Sommer verabschiedet sich und geht in den Herbst über. Damit bricht auch am Arbeitsplatz eine andere Zeit an. So wie man nach dem Winter den Drang nach Frühjahrsputz verspürt, möchte man, vom Sommer gut erholt, aufgeräumt in den arbeitsamen Herbst starten. Aufräumen – Ausmisten – Ordnung schaffen. Bei diesen Stichworten fällt einem zwangsläufig die Japanerin Marie Kondo als Expertin ein. Sie hat durch die Netflix-Serie «Tidying Up with Marie Kondo» und ihre Bücher wie «Life-changing magic of tidying up» international Bekanntheit als Ordnungsberaterin erlangt. Bereits tragen viele in der Konmarie-Methode ausgebildete Trainer/innen das Wissen um solche Befreiungsschläge in die weite Welt hinaus.

Nun gibt es im Büro nicht Kleider- und Küchenschränke wie im trauten Heim auszumisten, sondern wie wir uns in digitalen Räumen eingerichtet haben. Hand aufs Herz! Da hat sich doch bei jedem von uns viel digitaler Ballast angesammelt? Zahlreiche Apps auf Handy und Notebook, eine überquellende E-Mail-Inbox, Ordner um Ordner voll von Daten und von diesen oft noch Archivkopien; der Desktop quillt von Icons über, zu Feeds und Online-Gruppen hat man sich an-, aber fast nie abgemeldet. So Vieles, was selten oder nie genutzt wird. O.k., Speicherplatz kostet ja auch fast nichts. Aber wirklich? Ein Kerngedanke des Konmari-Ansatzes – und ich finde auch eine Wahrheit für immaterielle Dinge – ist, dass zu viel des Guten uns durchaus viel kostet: Und zwar Zeit, Kraft und Fokus.

Kann uns Kondo auch bei digitalen Entrümpelungen helfen? Von den 5 Grundsätzen Ihrer Methode ist jedenfalls der erste aufs «Digital Decluttering» eins zu eins anwendbar: Alles auf einmal, in kurzer Zeit und perfekt aufräumen. Als wir am Lehrstuhl kürzlich unsere Datenablage von einem «unerlaubten» auf einen «compliant» Cloudservice zu migrieren hatten, setzten wir einen Hackathon-artigen Nachmittag dafür an; zuvor hatten wir in perfektionistischer Gesinnung eine grundlegend neue Ordnerstruktur für die Dateiablage untereinander abgestimmt. Es war verboten, Archivkopien vom «Vorher» auf Hardwaredevices anzulegen, so dass wir beherzte Löschentscheide treffen mussten, um nicht gleich wieder alles zuzumüllen. 

Kondos andere 4 Grundsätze sind nicht so einfach übertragbar. Das hat sie auch schon selbst erkannt. Ihr für 2020 angekündigtes Buch soll: «Joy At Work: The Career-Changing Magic of Tidying Up” heissen. Bis nächstes Jahr wollen wir aber nicht warten. Wenn man die SuchworteMarie Condo und Digital googelt, findet man diesen Artikel, der «To Kondo» aufs digitale Aufräumen überträgt. Er ist ausführlich, handlungsorientiert und schön bebildert: https://usefyi.com/joy-at-work/Als eine der 6 Regeln wird diese Aufräumreihenfolge empfohlen: zuerst das Handy, dann Benachrichtigungen, Apps, Computer und schliesslich E-Mail.

Gegen letzteres erhebe ich zweifachen Protest. Zum einen gehört es an erste Stelle, und zum anderen geht es wieder einmal darum, wie man seine E-Mail besser managt. Das ist mir nicht radikal genug. Jede Mail müsste einfach etwas kosten, und wenn es nur 1 Cent bzw. Rappen pro Nachricht wäre. Diese simple Idee der E-Mail-Plage Herr zu werden, fand ich schon vor 10 Jahren super; jetzt hat sie es mal wieder in die Presse geschafft: A. Lobe fordert in seinem Artikel (St.Galler Tagblatt vom 31.8.19): Schluss mit Gratis-Mails! Darin erfahren wir darüber hinaus von einer anderen, echt durchschlagenden Lösung: Wer den Verhaltensökonom Dan Egan per Mail kontaktieren will, muss 20 Dollar an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden.

Das Momentum solcher Presseartikel und Praktiken einzelner wird wohl nicht für eine Wende reichen. Ich wünschte, es gäbe für die Forderung nach Digitalen Briefmarken Aktivisten wie «Greta». Das Klima-Argument zieht ja auch hier: Ein 100-Angestellten-Betrieb würde laut Berechnungen einer französischen Umweltagentur durch E-Mails pro Jahr 13.6 Tonnen CO2 verursachen. Bestimmt fände jemand aus den Reihen der Digital Natives, der auch noch gegen Flatrate- und Gratiskultur ankämpft, mehr Gehör als die typischen Digital-Detox-Evangelists.

Bildquelle: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2018/oct/10/are-you-a-cyberhoarder-five-ways-to-declutter-your-digital-life-from-emails-to-photos


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Tags: Kolumne



1 Kommentar

  • Otfried G. V. Koenigsmarck

    Marie Kondo hört sich zeimlich aufgräumt an, aber ich gebe Dir recht, eMails muss es zuerst an den Kragen gehen. Auch die Dokumente bei vertielten Projekten sind heute ohne sauber strukturierte Organisation, eher ein Chaos als ein gesichertes zeitschonendes Arbeitsverfahren. Wie heißt es doch so treffend: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Gruß Otfried

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