Kolumne: Zuhause hütteln, ausser Haus loungen

Haben Sie schon von Workations gehört – einem Mix aus Arbeit und Ferien? Mir sagt das zu. Seit ich die Coworking-Bewegung entdeckt habe, schaue ich bei Städte-, Konferenz- und Geschäftsreisen nicht nur nach Sehenswürdigkeiten, sondern auch nach den Coworking Spaces dort – es gibt sie, überall! Letzte Woche war mir wegen der hektischen Dezembertage nach Tapetenwechsel zumute. So bin ich ab ins idyllische Toggenburger Städtchen Lichtensteig, für einen Spaziergang und um in deren Coworking Space zu arbeiten. Das war ein warmherziger Empfang. Da dort früher die Post war, gab es einiges Interessantes zu entdecken, und die Einrichtung hatte viele gemütliche „Ecken“ zur Auswahl.

Überhaupt scheinen sich wohnzimmerartige Arbeitsumgebungen rasant zu verbreiten. Nicht nur die Coworking Spaces selbst, sondern auch Unternehmen holen sich dieses Ambiente in ihre Büroflächen. Bibliotheken, Cafes und sogar Geschäfte richten Arbeitszonen ein, die wie Lounges gestaltet sind. Dort gibt es besten Kaffee, Zonen und Möblierung je nach Stimmung und Aufgabe, und wenn man will, findet man dort auch Geselligkeit.

Heutzutage büffeln Studierende nicht mehr zu Hause, sondern verabreden sich zum Lernen in den Bibliotheken. Arbeitnehmende bleiben gerne länger im Büro, weil es da so schön und bequem ist (wie es Google z.B. bewusst so macht). Beim neuen Gebäude SwissRe Next in Zürich, dessen Büros in einer Architekturbesprechung als Arbeitslandschaft bezeichnet werden, dürften es einige Mitarbeitende genau so empfinden. In deren Räumlichkeiten fand die Herbstagung des Schweizerischen Büroeinrichtungsverbandes statt, wo ich dabei war und als Referentengeschenk das Buch «Cabins» (P. Jodidio Tasschen Verlag – Cabins-Hütten-Cabanas) erhielt. Beim Blättern in diesem Bilderbuch machte es „Klick“ bei mir im Kopf.

So eine schicke Hütte, ein Micro Home, würde es doch auch tun. Warum braucht man zu Hause noch Raum zum Lümmeln, Loungen, Arbeiten und Freunde treffen? Das gibt es doch zunehmend überall und jederzeit, als Segnung der Sharing Economy. Genau wie Autos überwiegend herumstehen, sind Wohnungen oder mindestens einzelne Zimmer die meiste Zeit unbelebt. In der Schweiz spricht man von „kalten Betten“, den Ferienwohnungen, die nur wenige Wochen im Jahr, wenn überhaupt, belegt sind. Wenn wir ehrlich sind, dann gibt es die auch in der eigenen Hauptwohnung, vor allem wenn die Kinder aus dem Haus sind. Es würde doch genügen, ein Hüttel-Zuhause zu haben, und das Loungen nach Draussen zu verlegen.

Mit diesen Überlegungen bin ich nicht allein. Darmstadts Baudezernentin Barbara Boczek plädierte schon für Selbstbegrenzung und sagte: Braucht es wirklich noch das Einfamilienhaus oder die grosse Wohnung als Statussymbol? (Immobilienteil der FAZ vom Fr 2.11.). Nur die Hypothese über den Zusammenhang von zunehmenden Coworking-Flächen und sinkenden Pro-Kopf-Wohnraumbedarf, die habe ich noch von niemanden gehört. Ab wann die sich wohl bewahrheitet? Mal sehen, ob ich mit meinem Gedankenspiel einmal persönlich Ernst mache, und in welchem Coworking&Lounging Ecosystem ich meine „Hütte“ dann aufbauen werde.

Bildquelle: https://www.taschen.com/pages/en/catalogue/architecture/all/04605/facts.cabins.htm#images_gallery-1


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