Kolumne: Digitales Spiegelkabinett

Bei Zürich gibt es einen Militärflugplatz, für den andere Nutzungen gesucht werden. Der Think-Tank „Denk-Allmend“ hat Ideen dafür gesammelt. Den 2. Preis gewann das Projekt „Ein Moment der Klarheit“. Dessen Vorschlag ist, das gesamte Flugplatzareal mit einem Spiegel auszulegen, der den Himmel auf den Boden und in den Blick holt. Mir drängte sich sofort der Gedanke auf: Ist doch erstaunlich, wie Kunstideen den Zeitgeist zum Ausdruck bringen. Denn mir scheint aktueller Zeitgeist zu sein, dass es immer mehr Apps gibt, mit denen wir uns den Spiegel für verschiedene Facetten unseres Lebens vorhalten können.

 

Da ist zum Beispiel die Privacy-Awareness-App, die uns Klarheit darüber verschafft, wie wir im Spiegel von Facebook aussehen. Man logged sich mit seinem Account ein, und in wenigen Sekunden bekommt man die Zusammenstellung „What Facebook shares about you“. Die Anwendung fragt die elektronischen Schnittstellen ab, über die Nutzerdaten an zahlende Kunden weiterleitet werden (vgl. FAZ „Falle Facebook“, 4.2.14, S. 31). Ich nutze dieses soziale Netzwerk zu wenig, um mich mit dieser Auswertung richtig zu erschrecken; bei Vielnutzern ist das Ergebnis bestimmt effektvoller.

 

Aber man muss gar nicht in Facebook klicken und posten, um im digitalen Spiegelkabinett mit unterwegs zu sein. Gerade habe ich die Anwendung Rescue Time installiert. Sie schaut mir beim Arbeiten am Computer laufend auf die Finger und zeichnet auf, wieviel Zeit ich in diversen Websites, in Social Media und mit anderen Programmen verbringe. Am Ende der Woche kommt dann der zusammenfassende Bericht und die Stunde der Wahrheit: Wo war die Zeit produktiv eingesetzt und wo vielleicht eher verplempert? Vermutlich erwartet mich ein heilsamer Schock, wenn meine E-Mail-Zeit um ein Vielfaches höher ausfällt als geschätzt – vielleicht setze ich dann den Vorsatz um, die E-Mailbearbeitung auf feste Zeiten zu beschränken.

 

Wo ich nun freudig darauf gespannt bin, meine geistigen Arbeitsplatz-Workouts im Performance-Dashboard zu betrachten, fehlt ergänzend noch, dass ich mein digitales Fitness-Ich in den Blick nehme. Das Monitoring von körperlichen Betätigungen ist technisch ja kein Problem. Mit Fitness-Armbändern und Konsorten lassen sich Laufleistung, Gewicht, Schlafverlauf und vieles mehr leicht aufzeichnen. Eine der weitestgehenden Anwendungen dafür ist Dacadoo, mit der man seinen Health-Score kontinuierlich monitoren kann. Als ich mir diesen Dienst näher angeschaut habe, wurde mir ziemlich unheimlich zumute. Dessen Nutzern wünsche ich einen „Moment der Klarheit“, der ganz ohne digitalen Spiegel auskommt und sie ihn zur Seite legen lässt.


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